Dempster Highway & Tuktoyaktuk

Wo sollte der nördlichste Punkt einer Reise durch Nord- und Südamerika sein? Bis vor wenigen Jahren lautete die Antwort auf diese Frage: Prudoe Bay in Alaska. Doch seit es in Kanada eine frei befahrbare Straße bis zum Arktischen Ozean gibt, sind der Dempster Highway und Tuktoyaktuk das große Ziel vieler Reisender. 

Ich selbst hatte mich im Vorfeld gar nicht so sehr damit beschäftigt und auch eher Prudoe Bay favorisiert. Als ich in Dawson City von Jörg und auch von Jürgen und Ute aber erfuhr, dass man dort nicht selbst bis ans Meer fahren kann, änderte ich meinen Plan ziemlich schnell. Denn in Alaska ist das letzte Stück ein Sperrgebiet in welches man nur mit einem Bus von Deadhorse und einem entsprechenden Ticket einfahren darf. Also auf nach Tuktoyaktuk!

Neue Gefährten

In Dawson City lerne ich auf dem Zeltplatz beim Hostel ein Paar aus Thüringen kennen. Die beiden unterhielten sich mit einem anderen Reisenden auf Deutsch und ich gesellte mich dazu. Die Chemie passte auf anhieb. Vielleicht weil Jürgen und Ute aus der Nähe von Erfurt kommen und wir somit in Deutschland nach Kanadischen Maßstäben quasi direkte Nachbarn sind. Die Beiden haben bereits 5 Monate Weltreise auf ihrer BMW 1100 GS hinter sich und sind dabei durch Russland, die Mongolei und viele andere spannende Länder gereist. Ihre Erzählungen sind sehr beeindruckend und lassen mich von meiner Reise in vielleicht ein einhalb Jahren träumen.

In der Touristeninformation von Dawson City treffen wir uns wieder und besprechen die nächste Reiseetappe. Ihr Plan ist es am heutigen Freitag 26.07.2019 auf den Dempster Highway zu starten und die Reise nach Tuk, wie Tuktoyaktuk meist nur genannt wird, zu beginnen. Ich blieb noch einen Tag in der Stadt und schaute mir diese etwas genauer an. Und so beschließen wir, dass wir uns morgen auf der ersten Etappe in den hohen Norden treffen. Da ich wahrscheinlich schneller reise als die beiden zu zweit auf einem Motorrad, sollte ich sie bald eingeholt haben. 

Überquerung des Polarkreises

So war es dann auch. Bereits bei meiner ersten kleinen Pause am Besucherzentrum des Tombstone Parkes hörte ich ein vertrautes Motorradgeräusch. Die GS rollte einige Minuten nach mir auf den Parkplatz. Jürgen und Ute hatten irgendwo entlang der ersten 70 Kilometer des Dempster Highways gezeltet da sie sich am Tag zuvor auch noch ein paar Highlights von Dawson City angesehen haben. Von nun an geht unsere Reise nach Tuktoyaktuk gemeinsam weiter. Doch so wirklich schnell kommen wir nicht vorwärts. Zwar lassen sich die ersten Kilometer der Schotterpiste sehr gut und zügig fahren. Aber wir halten immer wieder an um Fotos zu machen oder einfach nur den Blick durch die atemberaubende Landschaft schweifen zu lassen.

Am späten Abend erreichen wir die Station Egale Plains. Hier gibt es eine der wenigen Tankstellen entlang des Highways und das nach 369km. Für meine KTM „Jolly Blue“ ist das leider zu weit und so muss ich zwischendurch bei einer Kaffeepause auf einen meiner Reservekanister zurückgreifen. In Eagle Plains gibt es neben der Tankstelle auch ein Hotel mit einem dazugehörigen Zeltplatz. Dieser ist bei unserer Ankunft schon voll mit anderen Reisenden und so fahren wir weiter zum Polarkreis und einem Platz zum Wildcampen den ich in der App iOverlander gesehen habe. Es war die absolut richtige Entscheidung. Denn in der warmen Abendsonne sieht die Überfahrt am Polarkreis einfach magisch aus und der Ausblick auf die Berge, welche vom Licht angestrahlt werden, ist einfach fantastisch. Da unser Platz nur 1,5km nördlich des Polarkreises liegt, haben wir auch dort eine geniale Aussicht auf das Tal und die Berge. Jürgen und Ute öffnen nach dem Aufbau der Zelte ihren „Kühlschrank“ den andere einfach nur als Topcase bezeichnen und kochen für uns Drei ein leckeres Abendessen.

Der lange Ritt nach Tuktoyaktuk

Am Sonntagmorgen wachen wir zwar relativ früh auf, kommen aber nach dem guten Frühstück, dem erfrischenden Bad im klarem Teich und einigen Fotos doch erst kurz vor Mittag los. Aber da die Tage hier oben immer länger werden, ist das nicht ganz so schlimm. Unsere nächste Station ist die Stadt Inuvik die gleichzeitig das Ende des Dempster Highways markiert. Aber hier geht dann der neue Highway bis nach Tuktoyaktuk weiter. Am frühen Abend erreichen wir Inuvik. Wir füllen unsere Tanks und die Lebensmittelvorräte auf und Jürgen nimmt mir dabei, wie schon zuvor in Fort McPherson bei der Kaffeepause, meine Einkäufe ab und legt sie zu ihren in den Korb. Dankbar nehme ich diese Einladung gerne an.

Der nun folgende Abschnitt unserer Fahrt ist anspruchsvoller als gedacht. Wir wollten gern am späten Abend in Tuktoyaktuk sein um die im Arktischen Ozean untergehende Sonne zu sehen. Doch das bedeutete auch eine Fahrt von fast 150km auf sehr losem und teilweise tiefen Schotter immer im Gegenlicht. Mit einem vom Staub verschmutzen Visier ist dies in vielen Abschnitten ein Blindflug. Aber das hohe Risiko hat sich bezahlt gemacht. Wir erreichen unser Ziel gegen 23:30Uhr genießen zunächst die Stille und freuen uns, dass keine weiteren Touristen oder Reisende hier sind. Nach dem Aufbau der Zelte sitzen wir noch bis zum Sonnenuntergang um etwa 1:30Uhr beim Abendessen zusammen.

Überraschungsgäste beim Festival

In Tuktoyaktuk kommen wir erst gegen Mittag wieder los. Wir schauen uns noch ein wenig diesen kleinen Ort an und Jürgen kauft noch frisch geräucherten Fisch bei einem der lokalen Fischer. Die Fahrt zurück nach Inuvik vergeht ziemlich schnell. Was sicher daran liegt das wir uns an die Fahrt auf dieser Piste gewöhnt haben und nun auch deutlich mehr sehen. Bereits bei der Ankunft in Inuvik gibt es erste Regenschauer und die Wettervorhersage für die nächsten Kilometer sieht nicht besser aus. Vor allem in den Bergen soll es deutlich mehr Regenschauer geben. 

An diesem Montag fahren wir noch bis zum Midway Lake in der Hoffnung dort einen guten Platz für die Nacht zu finden. Was wir dort vorfinden, übertrifft aber alle Erwartungen. Am See finden gerade die Vorbereitungen für ein Festival der indigenen Einwohner statt. Eine Band spielt und es gibt jede Menge zu Essen. Als wir fragen, ob wir hier für eine Nacht zelten können, wird uns eine der freien kleinen Holzhütten angeboten. Dieses Angebot und auch die Einladung zum Essen nehmen wir natürlich gern an. 

In der Woche finden hier einige Versammlungen statt bei denen die indigenen Einwohner über politische Themen und ihre Situation im Land diskutieren. Ab dem Wochenende kommen dann Künstler aus dem ganzen Land um hier ihr Programm aufzuführen.

Die Tücken des Dempster Highway

Es hatte in der Nacht nicht geregnet. Zumindest in unserem Camp am Midway Lake nicht. Also fuhren wir guter Dinge los und wollten es bis nach Dawson City zurück schaffen. Zunächst kamen wir auch gut auf der über 450km langen Etappe voran. Doch in einer Senke im Wald zeigte sich dann das andere Gesicht des Dempster Highways. Wir gerieten in einen Abschnitt der vom Regen in der Nacht völlig aufgeweicht war. Ich kam mit viel Glück und einem beherzten Dreh am Gasgriff noch mit einem nach rechts und links ausscherendem Hinterrad davon. Doch als ich ein paar Meter weiter um die Kurve mein Motorrad ausmachte, hörte ich nichts. Kein Motorengeräusch der GS von Jürgen und Ute.

Ich kehrte um und fuhr zurück. In Gedanken befürchtete ich schon das Schlimmste und hoffte zugleich das den Beiden nichts passiert ist. Als ich um die Kurve kam, war ich zunächst sehr erleichtert, als ich beide aufrecht neben dem Motorrad stehen sah. Doch statt eines vermeintlich harmlosen Ausrutschers, haben die zwei wohl einen regelrechten Überschlag durchgemacht. Zumindest sieht so die GS aus. Die Frontscheibe und das Cockpit sind weggebrochen und der Lenker verbogen. Jürgen und Ute stehen sichtlich unter Schock und besonders Ute hat es wohl etwas schwerer erwischt. 

Die Dempster Highway Community

Glücklicherweise ist der Dempster Highway doch recht gut befahren. Und so halten nach kurzer Zeit mehrere Motorradfahrer und andere Reisende in Off-Road Wohnmobilen und Pickup-Trucks an. Einer davon nimmt Ute mit zum Hotel in Eagle Plains. Jürgen, ich und die anderen versuchen die GS wieder fahrtauglich zu machen. Das gelingt auch so einigermaßen und zusammen mit einem weiteren Motorradreisenden kämpfen wir uns bis nach Eagle Plains durch die immer wieder auftauchenden tückischen Abschnitte mit Schlamm und rutschigem Untergrund.

Jeder der hier auf dieser Strecke fährt, weiß wie tückisch diese sein kann. Und daher ist es selbstverständlich das man sich gegenseitig hilft. Einer der Reisenden nannte es die Dempster Highway Community. Und so helfe ich am Abend in Eagle Plains einem der Fahrer der uns zuvor aus dem Schlamm mit rausgeholfen hat, indem ich ihm mein Zelt für die Nacht leihe. Denn wir hatten, aufgrund des Unfalls und der Schmerzen die Ute in den Rippen hatte, das letzte Zimmer im Hotel bekommen. 

Rückkehr nach Dawson City

Am Dienstag fuhren Jürgen und ich mit unseren Motorrädern zurück nach Dawson City. Ute hatte eine Mitfahrgelegenheit in einem der Camper bekommen und wir trafen uns später in der Stadt wieder. Die beiden nahmen sich ein Zimmer im Motel und ich schlug mein Zelt ganz in der Nähe auf. Und so verbrachten wir unseren vorerst letzten gemeinsamen Abend und sind uns sicher, dass wir uns spätestens in Deutschland wiedersehen werden.

Die Untersuchung von Utes Rippen in Dawson City zeigte doch, dass zwei gebrochen sind. Aber sie kann wohl weiter auf dem Motorrad mitfahren. Und so sind die Beiden weiter unterwegs. Die GS wurde in Edmonton wieder etwas hergerichtet und Jürgen bekam von einem Mann ein nagelneues Windschild einer Chopper geschenkt. Meine Reise ging von Dawson City über den Top of the World Highway weiter nach Alaska. Aber die Zeit auf dem Dempster Highway und in Tuktoyaktuk wird unvergessen bleiben. Und ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit Jürgen und Ute die mich wie ihren eigenen Sohn mit versorgt haben. 

Übrigens…

Da ich schon von manchen gefragt wurde, ob es denn schon Bären zu sehen gab. Ja, die gibt es hier tatsächlich des öfteren zu sehen. Meist aber nur entlang der Straße und dann sie sie schnell wieder verschwunden. Auf der Fahrt auf dem Dempster Highway nach Tuktoyaktuk zeigte sich uns aber ein ausgewachsener Grizzly. Und der hat gleich mal eine kleine Show für die Gruppe an Reisenden geboten.

Und natürlich sieht man hier oben auch große Herden von Caribous über die Hügel wandern.

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